Techniken

Zeichnen ist eine Mischung aus Wissen, Übung und Erfahrung.

Der Mensch halluziniert permanent: Er dichtet, streicht, ergänzt und blendet aus – unbewusst. Diese Wahrnehmungskunst ist evolutionär bewährt; sonst hätte sie sich nicht durchgesetzt. Ausser beim Zeichnen. Da führt uns diese Art der Wahrnehmung in die Irre. Also muss man anders an die Sache herangehen. Das Wichtigste: Für Zeichnende existiert eine zweite Welt – unsichtbar, doch greifbar.


Beispiel:
Jemand der nicht zeichnen kann, betritt den Zoo, sieht einen Elefanten. Sein Gehirn sagt zu ihm. Hey da ist ein Elefant, weil: Grau, Rüssel, Klumpen, Panzer.

Jemand der zeichnen kann sieht dasselbe Tier – doch sein Gehirn sagt ihm. Hey da sind Umrisse, Konturen, Schattierungen, Faltenstrukturen, Flächen. Ein visuelles Gerüst, bereit zum Einfangen. Kopiert auf Papier, entsteht die Zeichnung.

Beim Zeichnen lernst du also vor allem, genau hinzusehen. Es gilt Formen und Umrisse zu erkennen und diese dann als Linien auf das Papier zu zeichnen.

Das Schwierige dabei ist, dass dir bewusst ist, dass dein Gehirn das Gesehene ständig vereinfacht oder verändert. Deshalb musst du lernen, wirklich nur das zu zeichnen, was du siehst. Und nicht, was dir dein Verstand vorgauckelt.


1.
Fast alles was ich den den lieben Tag lang angucke hat einen Rand. Eine Begrenzung, einen Anfang und ein Ende. Ich lerne also ganz bewusst die Ränder von Dingen zu sehen. Ich trainiere mein Gehirn darauf, langsam und stetig einer Linie zu folgen. Grundlage ist die Tatsache, dass das Sehen von Etwas aufgrund seiner Umrisse erfolgt. Unsere Augen scheinen dafür gebaut zu sein.

2.
Und dann kommt unser Gehirn ins Spiel und sagt zu uns. „Ja aber!“ Es gauckelt uns vor, dass es schliesslich die Welt viel besser kennt und wir unsere Beobachtung in Zweifel ziehen sollten. Unser Denken ist so stark, dass wir das, was wir wirklich sehen schlicht und einfach ignorieren. Das beste Beispiel dafür ist die Tatsache, dass der Mensch alles auf den Kopf gestellt sieht. Das passiert, weil die Lichtstrahlen die von oben kommen, nach dem passieren unserer Linse unten auf dem Augenhintergrund ankommen. Umgekehrt geschieht das Selbe mit den Lichtstrahlen die von unten auf unser Auge treffen. Warum stört uns das nicht? Weil wir es nicht merken. Unser Gehirn hat längst gelernt, alles umzudrehen. Schliesslich wissen wir, dass oben eben oben ist und nicht unten.

3.
Warum vertrauen wir unseren Augen, unserem Sehen trotzdem? Wir wissen ja jetzt, dass uns unser Gehirn dabei „hilft“ die Welt richtig wahrzunehmen. Meine persönliche Vermutung lautet: Weil es sich bewährt hat. Weil es funktioniert. Meistens jedenfalls. Ausser beim zeichnen. Doch das ist der Evolution ziemlich egal. Zeichnen ist viel weniger wichtig, als die süssen Äpfel oben im Apfelbaum zu holen oder ein gefährliches Tier schon von weitem zu erkennen.

Tricks

Wenn wir nun trotzdem passabel zeichnen wollen, müssen wir uns mit ein paar Tricks befassen.

Ein wesentlicher Trick besteht darin, dem Gehirn eine langweilige Aufgabe zu stellen, so dass es (also du) aufhört darüber nachzudenken, was es sieht oder zu erkennen glaubt. Dazu verlangsamen wir die Geschwindigkeit beim zeichnen dramatisch. Ein wenig wie in Zeitlupe. Je langsamer und je aufmerksamer wir den Rändern mit unserem Blick folgen, desto einfacher wird es, diese zu kopieren.

Dabei ist zu beachten, dass unsere Augen und die Hand, die gerade zeichnet, synchronisiert sind. Beide sind gleich langsam unterwegs.

Dabei unterlassen wir es, darüber nachzudenken, was wir da gerade tun. Wir zeichnen kein Porträt unserer Liebsten, sondern wir kopieren einfach Linien und Flächen. Dabei glätten wir nichts. Wir zeichnen jede Krümmung, jede Abbiegung und jede Delle. Unsere Augen folgen langsam und beharrlich den Rändern.

Warum es trotzdem manchmal nicht klappen will.

Dies hängt vorallem damit zusammen, dass wir, so gerne wir das tun möchten, unsere Gedanken und Gefühle nicht wirklich kontrollieren können. Diese stellen sich einfach ein. Und erst wenn wir uns deren bewusst sind, können wir uns dagegen wehren. Doch wie gesagt, sind wir dann leider schon wieder raus aus der „Trance“ des unvoreingenommenen kopierens.

Was hilft wirklich?

Ein als ruhig empfundener Ort und Zeit ohne Ende. Also keine anschliessenden Termine. Die Gewissheit nicht gestört zu werden. Ich stehe oft sehr sehr früh auf und zeichne am liebsten, wenn das Haus noch schläft. Bei dir kann das natürlich ganz anders aussehen. Wichtig ist nur Ruhe und Zeit. Und zuguter Letzt den starken Wunsch, zeichnen zu können.

Sei kein Spielverderber!

Sei kritisch im positiven Sinn. Sag dir was dir an deiner neuesten Kritzelei gefällt und guck dir die Bereiche an wo du dich verbessern kannst. Gedanken wie etwa: „Das wird nie was“ oder „Ich habe einfach kein Talent“ oder noch schlimmere Gedanken bringen dir nur eine schlechte Laune. Sei fair zu dir und gib dir Zeit.


Lass uns über deine Zeichenziele sprechen.
Unverbindlich und persönlich.