Zeichnen ist sehen


Wie man richtig sehen lernt beim Zeichnen

Beim Zeichnen lernst du vor allem, genau hinzusehen: Formen und Umrisse erkennen und als Linien wiedergeben.

Das Schwierige ist, dass dein Gehirn das Gesehene ständig vereinfacht oder verändert. Deshalb musst du lernen, wirklich zu zeichnen, was du siehst – nicht, was du zu sehen glaubst.

Also lernst du zuerst ganz genau zu beobachten. Zeichnen bedeutet, Strukturen zu erkennen und diese dann als Linien auf das Papier zu kopieren.


1.) Fast alles was ich den den lieben Tag lang angucke hat einen Rand. Eine Begrenzung, einen Anfang und ein Ende. Ich lerne also ganz bewusst die Ränder von Dingen zu sehen. Ich trainiere mein Gehirn darauf, langsam und stetig einer Linie zu folgen. Grundlage ist die Tatsache, dass das Sehen von Etwas aufgrund seiner Umrisse erfolgt. Unsere Augen scheinen dafür gebaut zu sein.

2.) Und dann kommt unser Gehirn ins Spiel und sagt zu uns. „Ja aber!“ Es gauckelt uns vor, dass es schliesslich die Welt viel besser kennt und wir unsere Beobachtung in Zweifel ziehen sollten. Unser Denken ist so stark, dass wir das, was wir wirklich sehen schlicht und einfach ignorieren. Das beste Beispiel dafür ist die Tatsache, dass der Mensch alles auf den Kopf gestellt sieht. Das passiert, weil die Lichtstrahlen die von oben kommen, nach dem passieren unserer Linse unten auf dem Augenhintergrund ankommen. Umgekehrt geschieht das Selbe mit den Lichtstrahlen die von unten auf unser Auge treffen. Warum stört uns das nicht? Weil wir es nicht merken. Unser Gehirn hat längst gelernt, alles umzudrehen. Schliesslich wissen wir, das Oben eben Oben ist und nicht unten!

3.) Warum vertrauen wir unseren Augen, unserem Sehen trotzdem? Wir wissen ja jetzt, dass uns unser Gehirn dabei „hilft“ die Welt richtig wahrzunehmen. Meine persönliche Vermutung lautet: Weil es sich bewährt hat. Weil es funktioniert. Meistens jedenfalls. Ausser beim zeichnen. Doch das ist der Evolution ziemlich egal. Zeichnen ist viel weniger wichtig, als die süssen Äpfel oben im Apfelbaum zu holen oder ein gefährliches Tier schon von weitem zu erkennen.

Wenn wir nun trotzdem passabel zeichnen wollen, müssen wir uns mit ein paar Tricks befassen.

Der erste Trick besteht darin, dem Gehirn eine langweilige Aufgabe zu stellen, so dass es (also du) aufhört darüber nachzudenken, was es sieht oder zu erkennen glaubt.

Der zweite Trick ist, die Geschwindigkeit beim zeichnen drastisch zu verlangsamen. Je langsamer und je aufmerksamer wir den Rändern mit unserem Blick folgen, desto einfacher wird es, diese zu kopieren.

Der dritte Trick besteht darin, nicht darüber nachzudenken, was wir da gerade tun. Wir zeichnen kein Porträt unserer Liebsten, sondern wir kopieren einfach Linien und Flächen. Dabei glätten wir nichts. Wir zeichnen jede Krümmung, jede Abbiegung und jede Delle. Unsere Augen folgen langsam unnd beharrlich den Rändern.

Warum es trotzdem manchmal nicht klappen will.

Dies hängt vorallem damit zusammen, dass wir, so gerne wir das tun möchten, unsere Gedanken und Gefühle nicht wirklich kontrollieren können. Diese stellen sich einfach ein. Und erst wenn wir uns deren bewusst sind, können wir uns dagegen wehren. Doch wie gesagt, sind wir dann leider schon wieder raus aus der „Trance“ des unvoreingenommenen kopierens.

Was hilft wirklich?

Ein als ruhig empfundener Ort und Zeit ohne Ende. Also keine anschliessenden Termine. Die Gewissheit nicht gestört zu werden. Ich stehe oft sehr sehr früh auf und zeichne am liebsten, wenn das Haus noch schläft. Bei dir kann das ganz anders aussehen. Wichtig ist nur Ruhe und Zeit. Und zuguter Letzt den starke Wunsch, zeichnen zu können.

Sei kein Spielverderber!
Sei kritisch im positiven Sinn. Sag dir was dir an deiner neuesten Kritzelei gefällt und guck dir die Bereiche an wo du dich verbessern kannst. Gedanken wie etwa: „Das wird nie was“ oder „Ich habe einfach kein Talent“ oder noch schlimmere Gedanken bringen dir nur eine schlechte Laune. Sei fair zu dir und gib dir Zeit.